Geschichten aus dem DSC-Beirat Der Sommer der Social-Media-Verbote

Die EU-Kommission will bald einen Gesetzentwurf für ein europäisches „Mindestalter“ vorlegen. Doch während die Frage nach dem „Ob“ von Alterskontrollen politisch entschieden scheint, ist die Frage nach dem grundrechtskompatiblen „Wie“ längst nicht beantwortet. Dabei gäbe es ganz andere Möglichkeiten, das Netz zu einem besseren Ort zu machen.

  • Svea Windwehr
Person liegt mit Smartphone in der Hand an einem Pool.
Nicht nur die Diskussion um Alterskontrollen läuft heiß. – Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com: Bruno Gomiero

Der DSC-Beirat ist ein Gremium aus Zivilgesellschaft, Forschung und Wirtschaft. Er soll in Deutschland die Durchsetzung des Digital Services Act begleiten und den zuständigen Digital Services Coordinator unterstützen. Svea Windwehr ist Mitglied des Beirats und berichtet in dieser Kolumne regelmäßig aus den Sitzungen.

Es ist ein Sommer der Rekordtemperaturen in Europa und auch digitalpolitisch geht es heiß her. Auf die Schnelle und ohne Rücksicht auf grundrechtliche Verluste hat die schwarz-rote Koalition die IP-Vorratsdatenspeicherung durch die erste Lesung im Bundestag gejagt, einen Frontalangriff auf das Informationsfreiheitsgesetz gestartet und ist nicht nur dabei, mit dem sogenannten Sicherheitspaket die biometrische Auswertung des gesamten Internets zu beschließen, sondern hat – spontan – auch noch neue Befugnisse für die Bundespolizei eingeführt, um Gesichtserkennung in Echtzeit zu ermöglichen.

Angesichts dieser Nachrichten wirkt die Durchsetzung des Digital Services Acts, der seit 2024 geltende Rechtsrahmen für Online-Plattformen in Europa, wie ein zu vernachlässigendes Thema. Wenn nicht auch hier Massenüberwachung und massive Probleme für die Sicherheit, Privatsphäre und das offene Netz lauern würden.

Alterskontrollen für alle

Nachdem sich eine von Bundesministerin Karin Prien eingesetzte Expert:innenkommission nicht darauf einigen konnte, welche Art von Alterskontrollen sie genau empfehlen möchte, wird die Europäische Kommission wohl bald Tatsachen schaffen. Basierend auf dem Bericht der beiden Vorsitzenden der Expert:innenkommission zum Schutz junger Menschen im Netz hat Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Anfang der Woche angekündigt, einen Gesetzentwurf für ein europäisches „Mindestalter“ vorzulegen. Vorgesehen ist, dass junge Menschen unter 13 Jahren keinen Zugang zu einer breiten Palette an Diensten haben sollen. Welche Dienste genau gemeint sind, ist unklar – von der Leyen spricht von „Social Media Plus“, gemeint sein könnten also auch Angebote wie Messenger-Apps, Online-Spiele, Videoplattformen oder KI-Systeme.

Der Bericht der beiden Vorsitzenden der Expert:innenkommission zeichnet ein sehr viel differenzierteres Bild als die Social-Media-Verbote für Unter-16-Jährige, die in Australien bereits gescheitert sind und dennoch in Ländern wie Großbritannien und Dänemark vorangetrieben werden. Der Bericht spricht sich für einen gestaffelten Ansatz aus: Kleine Kinder bis 3 Jahre sollten Bildschirmen gar nicht ausgesetzt sein, 3- bis 13-Jährige sollen nur unter Aufsicht im Internet unterwegs sein, ab 13 und bis 17 sollen Dienste nur dann zugänglich sein, wenn sie kinder- beziehungsweise altersgerecht sind. Die beiden Vorsitzenden der Expert:innenkommission differenzieren also durchaus zwischen verschiedenen Altersgruppen und heben auch deutlich die Vorteile und Chancen hervor, die das Netz und Online-Räume für junge Menschen bieten können. Dennoch ist klar, dass jede Form von Alterskontrollen im Namen des Jugendschutzes Alterskontrollen für alle Nutzer:innen bedeuten. Und genau hier liegt die Krux.

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Kontrolle first, Bedenken second

Der Bericht unterstreicht, dass Altersverifikationstechnologien verhältnismäßig sein müssen und Grundrechte wahren sollen, insbesondere die Rechte von Kindern. Sie sollen außerdem höchsten Anforderungen bezüglich Sicherheit und Datenschutz genügen müssen. In diesem Kontext werden sogenannte Zero Knowledge Proofs erwähnt, also kryptographische Ansätze, um zu bestätigen, dass eine Aussage wie „über 18“ wahr ist, ohne genauere Informationen wie Alter oder Identität preiszugeben. Zero Knowledge Proofs sind aber keine Pauschallösung, um sicherzustellen, dass Anbieter von Altersverifikationstechnologien nicht erfahren, welche Webseiten eine Benutzerin besucht, oder dass die Website keine weiteren Informationen über eine Benutzerin erhält. Für die Herausforderungen, die Alterskontrollen mit sich bringen, braucht es weitere Lösungen und verbindliche Schutzmechanismen.

Wie auch die deutsche Expert:innenkommission bleibt uns also auch von der Leyens Expert:innenbericht Antworten auf eine Kernfrage schuldig: Wie sollen Alterskontrollen umgesetzt werden, die die Privatsphäre und Datensicherheit aller Nutzenden schützen, sich nicht als Überwachungsinfrastruktur zweckentfremden lassen, und tatsächlich zugänglich für alle sind? Verfügbare Altersfeststellungstechnologien basieren entweder auf Ausweisdokumenten, die für viele Menschen, inklusive jüngere Teenager, nicht zugänglich sind. Hier fehlt ein alltagstaugliches Konzept, wie Menschen ohne Ausweisdokumente diskriminierungsfrei an Altersnachweise kommen sollen. Oder aber auf der Schätzung von Alter anhand biometrischer Daten oder anderer Signale, also auf der umfangreichen Verarbeitung von personenbezogenen Daten. Einerseits zeigen die Expert:innen die damit verbundenen massiven Gefahren von Alterskontrolltechnologien nicht nur für Grundrechte, sondern auch das offene und freie Internet auf, andererseits sprechen sie sich trotzdem für altersbasierte Einschränkungen aus.

Von der Leyen selbst hat sich in der Vergangenheit schon für eine Umsetzung von Alterskontrollen anhand des sogenannten „Mini-Wallets“ ausgeprochen, also jener Altersverifikationsapp, die Telekom-Tochter T‑Systems unter Einsatz von Google-Komponenten für einen mittleren Millionenbetrag gebaut hat.

Genau jene App, die nicht nur IT-Expert:innen scharf wegen ihrer Sicherheits- und Privatsphäremängel kritisiert haben, sondern auch der deutsche Ethikrat. In seiner durchaus differenzierten Stellungnahme zu „Schutz, Teilhabe und Befähigung von Kindern und Jugendlichen in der digitalen Welt“ hat sich der Rat mit Blick auf diese Mängel gegen Altersverifikation anhand der „Mini-Wallet“ ausgesprochen: „Alternativen wie die Mini-Wallet oder gar das Vorzeigen von Pass und Gesicht vor der Handykamera sind aus Gründen der Sicherheit und des Schutzes der Privatsphäre abzulehnen.“

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Plattformregulierung als schärferes Schwert

Jenseits der Frage, wie Alterskontrollen einigermaßen grundrechtsschonend umgesetzt werden könnten, bleibt die Frage ihrer Wirksamkeit unterbelichtet. Wie Kinder- und Jugendschutzorganisationen, Vertretungen von Jugendlichen und sogar Aufsichtsbehörden immer wieder betonen, sind altersbasierte Beschränkungen nicht das richtige Mittel, um Plattformen tatsächlich zu Räumen zu machen, in denen Kinder und Jugendliche sich und das Netz in einem geschützten Rahmen ausprobieren können.

Hier geben Nachrichten aus Brüssel Grund zu Hoffnung: In ihrer Untersuchung von Meta ist die Europäische Kommission zu dem vorläufigen Ergebnis gekommen, dass suchtfördernde Designfeatures auf Instagram und Facebook gegen den DSA verstoßen.

Konkret geht es um genau die Features, die Menschen auf den Plattformen bleiben lassen und so zentral zu Metas Geschäftspraktiken sind: hochpersonalisierte Empfehlungen, Autoplay und endlose Feeds. Die EU-Kommission argumentiert, dass Meta nicht nur die negativen Implikationen dieser Features unzureichend analysiert und gemindert hat. Sondern der Konzern habe auch ihm vorliegende Informationen dazu ignoriert, wie Kinder und Jugendliche mit diesen Features interagieren. Die Schlussfolgerung der Kommission: Diese Features müssen abgeschaltet werden.

Ob es tatsächlich so weit kommt, wird sich in den nächsten Phasen der Untersuchung zeigen. Fest steht aber, dass der DSA Chancen bietet, mehr als nur die Symptome von problematischen Geschäftspraktiken zu bekämpfen. Wo Alterskontrollen das Risiko bergen, das Internet für alle unsicherer zu machen, könnte der DSA genutzt werden, um diejenigen in die Verantwortung zu ziehen, die für den Status Quo verantwortlich sind. Und wie der Fall von X zeigt, wirkt die Arbeit der Europäischen Kommission: Am Mittwoch wurde bekannt gegeben, dass X Forderungen der EU-Kommission zugestimmt hat, um den Anforderungen des DSA gerecht zu werden. Wenn also sogar Elon Musk dazu gebracht werden kann, europäischer Regulierung zu folgen, beweist das: Der DSA wirkt. Auch große US-Plattformen können durch konsequente Durchsetzungsarbeit in ihre Schranken gewiesen werden, ohne dass die Rechte ihrer Nutzenden massiv eingeschränkt werden müssen.

Die nächsten Wochen werden zeigen, wie die Europäische Kommission mit den Empfehlungen aus dem Expert:innenbericht umgehen wird. Zu befürchten sind Alterskontrollen für große Teile des Internets. Zu gewinnen gäbe es dagegen die Chance, einen tatsächlich wirksamen Weg für ein besseres Internet für alle einzuschlagen – besonders auch für junge Menschen.

Über die Autor:innen

  • Svea Windwehr

    Svea Windwehr ist Co-Vorsitzende von D64 e.V., einem überparteilichen Verein mit über 800 Mitgliedern, der sich für progressive Digitalpolitik einsetzt. Sie studierte Politikwissenschaft und Recht in Maastricht, Berkeley und Oxford.


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6 Kommentare zu „Der Sommer der Social-Media-Verbote“


  1. Auch hier wieder Blödsinn: „3- bis 13-Jährige sollen nur unter Aufsicht im Internet unterwegs sein“. Also in der Freizeit dieser Altersgruppe hat eine Gouvernante anwesend zu sein. Die Bundesregierung will, daß möglichst viele Frauen arbeiten gehen und damit die Kinder unbeaufsichtigt sind. In der schmalen verbliebenen Zeit haben Eltern wohl kaum Platz für die ständige Betreuung ihrer Sprößlinge am Smartphone oder Computer. Das geht doch völlig an der Realität vorbei. Und wann, bitteschön sollen eben diese Kinder Selbständigkeit und Verantwortung für ihr Tun lernen, wenn ihnen dies nicht zugetraut wird. Mal abgesehen davon, ist auch dieser Vorschlag nicht konform mit dem Grundgesetz. Kinder wissen, daß Feuer gefährlich und Brandstiftung strafbar ist. Aber es wird nicht verlangt, daß Kinder und Jugendliche Streichhölzer und Feuerzeuge nur unter der Aufsicht der Eltern benutzen dürfen.
    Ich bin gespannt welchen realitätsfernen Mist sich die selbsternannten Kinder- und Jugendschützer noch ausdenken. Mein minderjähriger Sohn hatte nur über einen Proxy Zugang zum Internet und ich konnte im Log sehen, daß er Pornoseiten genutzt hat. Und? Das gehört zur Entwicklung von Jugendlichen dazu und birgt keine Gefahr.


  2. Anonym

    ,

    So wie ich die EU einschätze, ignoriert sie wie immer alle Warnungen und wird versuchen die Alterskontrolle für alles durchzudrücken.

    Option Alterskontrolle ist halt simpel: einfach Anbieter verpflichten unter Androhung saftiger Strafen, wenn die Kontrolle unzureichend ist. Genauso wie es Australien gemacht hat
    https://www.heise.de/news/Social-Media-ab-16-Australien-verdoppelt-Strafen-fuer-Plattformen-11347132.html

    Und schwuppdiwupp kann man ohne sich groß Gedanken und Mühe zu machen, große Reden schwingen, was man für die aaarmeeen Kiiiindeeer alles getan hat.

    Ein besser gestaltetes Internet wäre nicht nur für Minderjährige gut, aber das wäre ja kompliziert, man müsste sich mit den Leuten auseinandersetzen und müsste auch dranbleiben, wenn die Großkonzerne ihre Algorithmen und Designs nicht aufgeben wollen.

    Kann man nur hoffen dass es am Ende wieder auf irgendeine Art und Weise bei den Gerichten landet.
    Gewissheit gibt es zwar auch bei denen heute keine mehr, aber immerhin…

    Aber wer weiß… vielleicht geschehen ja doch noch Wunder und die EU trifft wenigstens einmal eine vernünftige Entscheidung


    1. Thorsten Gorch

      ,

      Natürlich wird die EU (genauer: Die Kommission unter vdL) alle Warnungen in den Wind schlagen. Auf EU Parlament, Länder und Justiz setze ich da keine Hoffnung. Auch in den Mitgliedsstaaten gibt es bekanntlich sehr starke Befürworter dafür.

      Problem: Wie das fehlgeschlagene Experiment Australien zeigt funktioniert es nicht: https://www.nber.org/papers/w35162

      Aber vdL & Co. sind ja nicht dumm wie viele leider denken. Die Leute dort wissen das vermutlich sehr genau das es so nicht funktioniert: Also eine anonyme, überwachungsfreie Altersverifikation. Social Media für Kinder und Jugendliche zu verbieten wird eingesetzt wie ein Trojanisches Pferd: Darin hockt die Idee der Kontrolle _aller_ Nutzer von Sozialen Medien, des Internets generell. Wenn etabliert kann man das beliebig weit auf alle öffentlich relevanten Funktionen des Internets ausdehnen falls nötig.

      Das die EU – APP zur Altersverifikation nicht so funktioniert wie vDL & verlautbaren (also systematisch übergangen werden kann) wurde bei Netzpolitik ja auch schon thematisiert. Sie kann auch nicht funktionieren – außer man macht EUID & Co (oder eine ähnliche APP) verpflichtend und vor allem: Nicht Anonym, d.H. überwachbar.

      Sobald das durchgesetzt ist und der Widerstand vieler Menschen in der EU gebrochen wurde (persönlich vermute ich mithilfe der Justiz wie bei illegalen IPTV) kann die Politik jeden User sanktionieren der nicht im von der EU / Politik vorgegebenen (engen) Rahmen seine Meinung öffentlich äußern will. Die Hoffnung dahinter: Die Politik gewinnt wieder die Meinungshoheit wie in vor-Internet Zeiten.


  3. Anonym

    ,

    An der Stelle sei erwähnt, dass vor kurzem die Altersverifikations-App der EU erneut eine Klatsche erhalten hat.
    Der selbe Sicherheitsforscher, der im April die App geknackt hat, hat jetzt mit einer selbst entwickelten Browser-Erweiterung für Chrome die App wieder ausgehebelt. Diesmal hat er keine 5 Minuten gebraucht, sondern weniger als 2 Minuten

    https://www.msn.com/de-de/nachrichten/digital/eu-altersverifikation-erneut-geknackt‑m%C3%BCssen-wir-bald-alle-unseren-ausweis-zeigen/ar-AA283Lkd?ocid=winp2fp&cvid=6a592499b9164ce8853d10bac0598fd7&ei=19

    Sollte die EU das mit den Alterskontrollen durchziehen und nach wie vor alle Warnungen und Ratschläge ignorieren, ist ein absolutes Desaster vorprogrammiert.


  4. Anonym

    ,

    Fast noch „witziger“ finde ich das mit der „bis 3 Jahre“-Gruppe.
    Es ist einzig und allein Sache der Eltern, was sie mit dem Kind machen und wenn einer von ihnen dem Kind das Smartphone gibt, damit es sich irgendwelche Kinderfilme oder sonst was anschauen kann… ja, dann ist es halt so. Das entscheiden die Eltern.
    Und das kann die Politik nicht kontrollieren.

    Den Rest hat mw bereits gesagt, kann ich nur zu 100 Prozent zustimmen.
    Wenn man sie bis 13 oder 18 oder wann auch immer vom digitalen ausschließt und ihnen nichts zeigt sind sie nach erreichen dieses Alters diesbezüglich genauso dumm / unwissend wie sie es im Kinder- / Jugendalter waren.

    Ich meine… es kommt ja auch keiner auf die Idee, das Kind bis zum 18. Lebensjahr im Haus festzuhalten und ihm jegliches nach-draußen-gehen zu verbieten, weil man ihm nicht permanent auf Schritt und Tritt hinterherlaufen kann.

    Denn letztendlich können für Kinder draußen in der analogen Welt genauso Risiken entstehen wie in der digitalen.
    Und das halt vor allem durch In Erfahrung/ Unwissenheit.


  5. Anonym

    ,

    Gegen die ganze Alterskontroll-Thematok hat sich inzwischen eine Bürgerinitiative „Stop Killing the Internet“ gebildet

    https://www.heise.de/news/Buergerinitiative-Stop-Killing-The-Internet-stemmt-sich-gegen-Alterskontrollen-11376601.html

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